Warum ist das Internet der Telekom manchmal so langsam?
Sie kennen das vielleicht: Abends, wenn Sie endlich Zeit haben, eine Serie zu streamen, ein Online-Spiel zu zocken oder eine wichtige Datei herunterzuladen, funktioniert plötzlich nichts mehr. Webseiten laden ewig, Videos ruckeln, und selbst einfache Anfragen scheitern. Besonders betroffen sind Kunden der Deutschen Telekom. Doch woran liegt das?
Hinter diesen Problemen steckt kein Zufall, sondern eine bewusste Geschäftsstrategie der Telekom. Der Grund: Peering– also die Art und Weise, wie die Telekom ihr Netz mit dem Rest des Internets verbindet. Während andere Anbieter wie Vodafone oder o2 ihre Kunden mit schnellen, direkten Verbindungen versorgen, setzt die Telekom auf ein künstlich verknapptes und teures Modell. Das Ergebnis: Ihre Internetverbindung leidet – obwohl Sie teure Tarife bezahlen.
In diesem Artikel erklären wir, was Peering ist, warum die Telekom hier eine Sonderrolle einnimmt, welche Folgen das für Sie hat und was Sie tun können.
Was ist Peering – und warum ist es so wichtig?
Das Internet ist kein einziges, großes Netz, sondern ein Geflecht aus tausenden Einzelnetzen. Damit Daten von einem Dienst (z. B. YouTube, Netflix oder Discord) zu Ihnen nach Hause gelangen, müssen diese Netze an sogenannten Peering-Punkten miteinander verbunden sein.
Wie funktioniert Peering normalerweise?
- Offenes Peering: An großen Internetknoten wie dem DE-CIX in Frankfurt (dem weltweit größten Internetknoten) tauschen Provider Daten kostenlos und direkt aus. Das nennt man „Settlement-free Peering“ und ist seit Jahrzehnten internationaler Standard.
- Vorteile: Kürzere Datenwege, schnellere Ladezeiten, bessere Stabilität.
Wie macht es die Telekom?
Die Telekom vermeidet offenes Peering. Stattdessen:
- Minimale Kapazitäten am DE-CIX: Während Vodafone am DE-CIX 2 × 600 GBit/s nutzt, bucht die Telekom dort nur 20 GBit/s – ein Bruchteil dessen, was für 15 Millionen Festnetzkunden nötig wäre.
- Bezahl-Peering: Die Telekom verlangt von großen Diensteanbietern (Netflix, Meta, Cloudflare), dass sie teure Direktverbindungen kaufen. Wer nicht zahlt, wird über langsame Umwege geleitet.
- Folgen für Sie: Längere Ladezeiten, höhere Latenz, Paketverluste – besonders abends, wenn das Netz stark ausgelastet ist.
Thomas Lohninger von epicenter.works bringt es auf den Punkt:
„Die Telekom ist der einzige Internetanbieter Deutschlands, der für Profitmaximierung die Zusammenschaltung des eigenen Netzes mit dem restlichen Internet künstlich verknappt und verteuert.“
Die Folgen für Telekom-Kunden: Warum Ihr Internet abends streikt
Die Peering-Strategie der Telekom hat konkrete Auswirkungen auf Millionen Haushalte:
Typische Probleme:
| Problem | Betroffene Dienste | Ursache |
|---|---|---|
| Langsame Webseiten | Cloudflare-Dienste (Discord, ChatGPT, DeepL, Canva) | Kein direktes Peering, Umweg über Transit-Provider |
| Stockendes Streaming | YouTube, ARD/ZDF-Mediathek, Netflix | Bandbreiten-Engpässe durch fehlende Direktverbindungen |
| Online-Gaming unspielbar | Call of Duty, Eve Online, Battlefield | Hohe Latenz und Paketverluste |
| Berufliche Einschränkungen | GitHub, Cloud-Dienste, Video-Calls | Instabile Verbindungen zu Servern |
| Forschung & Bildung betroffen | Uni-Server, wissenschaftliche Datenbanken | Kein direktes Peering mit dem Deutschen Forschungsnetz |
Das Paradoxe:
- Mit VPN oder über einen anderen Anbieter (z. B. o2) funktionieren dieselben Dienste sofort.
- Das Problem liegt nicht bei den Diensten, sondern bei der Telekom.
Das doppelte Entgeltmodell: Warum Sie zweimal zahlen sollen
Die Telekom argumentiert, dass große Content-Anbieter (wie Meta oder Netflix) für die Nutzung „ihrer“ Netzinfrastruktur zahlen müssen. Doch:
- Sie als Kunde zahlen bereits – oft 80–110 € im Monat für schnelles Internet.
- Die Telekom verlangt zusätzlich Geld von den Anbietern, um deren Daten schnell zu Ihnen zu leiten.
Kritiker sehen darin einen Verstoß gegen die Netzneutralität:
„Die Telekom schafft künstliche Engpässe am Netzeingang und verkauft bezahlte Überholspuren.“ – Barbara van Schewick, Stanford-Professorin
Der Streit mit Meta: Ein Fall für die Gerichte
Ein besonders eklatanter Fall ist der Konflikt zwischen der Telekom und Meta (Facebook, WhatsApp, Instagram):
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| Bis 2020 | Meta zahlt der Telekom für Direktverbindungen |
| Corona-Krise | Meta stellt Zahlungen ein, fordert Preisnachlass |
| Mai 2024 | Landgericht Köln verurteilt Meta zur Zahlung von 20 Mio. € |
| September 2024 | Meta kappt alle Direktleitungen – Daten gehen über Umwege |
| Oktober 2025 | Berufungsverhandlung: Telekom fordert nun 30 Mio. € |
Die Telekom wirft Meta „grobes Foul“ vor – Meta kontert:
„Die Telekom gefährdet das offene Internet und setzt Kunden hinter eine de-facto-Bezahlschranke.“
Was tun? Die Initiative „Netzbremse“ und die Beschwerde bei der Bundesnetzagentur
Im Januar 2025 startete ein Bündnis aus epicenter.works, der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) und dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) die Kampagne netzbremse.de. Dort sammeln sie Erfahrungsberichte von betroffenen Kunden und haben eine formelle Beschwerde bei der Bundesnetzagentur eingereicht.
Vorwurf: Verstoß gegen die EU-Netzneutralitätsverordnung (2015/2120).
Was Sie tun können:
- Ihre Erfahrungen melden auf netzbremse.de.
- Wechseln Sie den Anbieter, wenn die Probleme anhalten.
- Nutzen Sie ein VPN – oft umgehen Sie damit die Peering-Probleme.
Fazit: Ein strukturelles Problem – mit politischen Folgen
Die Peering-Probleme der Telekom sind kein technischer Defekt, sondern eine bewusste Strategie. Als ehemaliger Staatsmonopolist nutzt die Telekom ihre Marktmacht, um von beiden Seiten zu kassieren: von Ihnen als Kunde und von den Diensteanbietern.
Die Bundesnetzagentur prüft derzeit die Beschwerde – eine Entscheidung steht noch aus. Sollte die Telekom zur Änderung ihrer Peering-Politik gezwungen werden, könnte das für alle Kunden eine spürbare Verbesserung bedeuten.
Bis dahin bleibt die Frage: Warum zahlen Sie für ein „Highspeed-Internet“, das abends oft nicht einmal Grundfunktionen erfüllt?
Quellen & Weiterführende Links
- netzbremse.de – Initiative gegen die Peering-Politik der Telekom
- Heise: Peering-Probleme der Telekom
- Golem: DE-CIX und die Telekom
- Bundesnetzagentur: Netzneutralität
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